WINTER IN HAVANNA
Dokumentarfilm, Ö, 2018, 90min, Farbe, Stereo, OmdeU
Regie: Walter Größbauer
Der Wind peitscht die karibische See über die Brüstung des „Malecon“, auf der Fischer stehen und ihre Angeln auswerfen, während sich küssende Liebespaare selbst fotografieren. An den modrigen Fassaden ehemaliger Prunkbauten der Uferpromenade hängt seit Tagen nasse Wäsche, die nicht trocknen will. Es ist Winter in Havanna.
In „Centro Habana“, dem ruinösen Gebiss eines leidenschaftlichen Rumliebhabers gleich, betreibt Frank seinen einsturzgefährdeten Blumenladen. Der chinesische Vermieter lebt, eingebettet zwischen Rosen, Alpinien und Schmetterlingsjasmin, im selben Raum. Früher war Frank Schiffsmaler, bis Blumen sein Leben veränderten: „Blumen bedeuten Liebe, Zuneigung, Ehrlichkeit, Freundschaft, alles Gute, das in einem Menschen sein kann.“ Die meisten seiner Kunden kaufen Blumen aus religiösen Gründen. Um ihre Heiligen zu verehren oder als dekorative Begleitung für ein Santeria-Ritual.
Maisel studierte auf der berühmten Akademie „San Alejandro“ Malerei. Vor kurzem kehrte er von einer kulturellen Mission aus Venezuela zurück, wo er ein Wandgemälde zur bolivarianischen Revolution anfertigte. In „Playa“, dem nostalgischen Villenviertel, in dem ehemalige Revolutionäre und Künstler wohnen, lebt er mit seinen Eltern und seiner Verlobten. Die Umgebung ist wie ein Freilichtmuseum, geprägt von seinen monumentalen Kinderporträts, die er auf Hauswände malt. „Ich hätte gerne, dass meine Kunst irgendwann vielleicht in einem kubanischen Museum zu sehen ist. Das würde ich lieben.“
„Blankita“ heißt die spektakuläre Figur, die sich Yanolis erdacht hat, und mit der er zur „Königin des Humors in Kuba, in der Welt der Transvestiten“ gekürt wurde. Yan, wie er von seinen Freunden genannt wird, lebt in „Guanabacoa“, einem ländlich geprägtem Vorort, in dem manch ein Bewohner sein Schwein an der Leine spazieren führt. Die Ablehnung durch die Mutter, aufgrund seiner sexuellen Neigung, trieb ihn in die Prostitution. „Ich bin kein nachtragender Mensch, aber es gibt Worte, die ich nicht zu löschen vermag.“
Marisol kam vor vier Jahren nach Havanna und lebt in der ehemaligen Autowerkstatt ihres Sohnes. Der einfache Raum mit Erdboden und Wellblechdach ist ihr improvisiertes Reich und liegt im Herzen des „10 Octobre“, einem Volksviertel mit pittoreskem Charme. Fidel Castro ermöglichte ihr die Ausbildung zur Uhrmacherin. „Ich liebe es, vom Traum geweckt zu werden und dahinterzukommen, welches Problem die Uhr hat.“ Wenn sie keine Uhren repariert, wäscht sie Wäsche und reinigt Töpfe gegen Bezahlung um ihre magere Pension aufzubessern.
Vier Menschen, vier Schicksale in einer einzigartigen Stadt. Begleitet von magischen Bildern pittoresker Architektur und Natur, fern jeder Werberomantik, die Sonne, Strand, Zigarren und Oldtimer Nostalgie verspricht. Der Film erlaubt Einblicke in die Lebensrealität des eigenwilligen, sozialistischen Inselstaates, der immer noch unter dem Embargo der USA steht, und dem die Kubaner mit Solidarität und Lebensfreude antworten, mit geballter Faust auf dem ausgestreckten Arm „Viva la Revolucion“ rufend.
Credits
| Buch + Regie | Walter Größbauer |
| ProduzentIn | Walter Größbauer, Claudia Pöchlauer |
| Aufnahmeleitung | Yudiel Balanque Vargas |
| Interviews | Raimar Vogel |
| Kamera | Istvan Pajor, Walter Größbauer |
| Ton | Istvan Pajor |
| Schnitt | Walter Größbauer |
| Soundtrack | Erich Pochendorfder |
| Live Musik Recording | Yosvani Cruz Quevedeo |
| Musik Mix & Mastering | Chris Scheidel |
| Transkription | Raimar Vogel |
| Übersetzung | Raimar Vogel, Eric Lomas |
| Produktion und Verleih | FORTUNAMedia |
Film Stills
Pressestimmen
ULTIMO/Thomas Friedrich „Faszinierende Bilder aus einem Land jenseits der Zeit“
Es gibt Menschen, die haben mehr Ressourcen, aber sie können damit nichts anfangen“, sagt der Maler Maisel, der Havanna mit großen Kinderportraits verschönert, die er an Häuserwände malt: „Wenn ich eine Wand sehe, die mir gefällt, frage ich die Nachbarn…“ und dann malt er freihändig und nach Fotografien auf seinem Tablet die aller schönsten Kinderbilder an die Wand – schwarzweiss, weil er eben wenig Ressourcen hat und deshalb Maltechniken entwickelt hat, um Material zusparen und noch das Reinigungswasser für seine Pinsel als Grundlage für Schattierungen benutzt. Wenn die Bilder fertig sind, lädt Maisel die Kinder ein, deren Bild er gerade gemalt hat. „Das sind meine wichtigsten Kritiker, manchmal gefällt es ihnen, manchmal nicht“. Er lebt mit seiner Verlobten und seiner Familie zusammen, sein Geld verdient er als Lehrer er unterrichtet eine Klasse von Kindern mit Down Syndrom und Autismus: „Die überraschen mich manchmal mit dem, was sie malen.“ Für diese Arbeit bekommt er „das Gehalt eines Arbeiters“, wie Maisel nicht ohne Stolz sagt.
Wir sind in Kuba, und alles sieht so aus wie schon mal gelebt: Die Häuser, Bauruinen der sozialistischen Architektur und mit mehr Charme als alle Wohn-Sardinendosen der Neuzeit, die antik anmutenden Autos, selbst die Fahrräder, auf denen manchmal alte Schläuche mit Kordel auf die Felgen gebunden werden, haben sich überlebt. Auf einem dieser Räder werden die Gestecke des Blumenhändlers Frank aus geliefert, der sagt, dass man diesen Job nur machen kann, wenn man Blumen liebt. Sein Laden ist eine Ruine, das Viertel eine Ansammlung von Schlaglöchern und Häusern kurz vor dem Einsturz. Und doch beschäftigt Frank fünf bis sechs Mitarbeiter, die Flitter auf Blumen sprühen und die Gestecke verkaufen. Arm zu sein ist ja kein Grund, keinen Sinn für Luxus zu haben.
Walter Größbauer, der mit „Sommer in Wien“ bereits das außergewöhnliche Portrait einer Stadt und ihrer Bewohnern vorgelegt hat, zeigt Menschen in Havanna und Havanna selbst. Eine Stadt, die nur noch mit Rost und Spucke zusammen gehalten wird. Und von ihren Bewohnern, die auf eine faszinierende Art ausgeglichen wirken. Nicht weil sie keine Probleme hätten, die haben sie Haufenweise. Sondern weil sie willens sind, aus dem, was sie vor finden, ihr Leben zu machen. Ob als Maler, als Travestiekünstler oder als Uhrmacherin. Und alles in einer Landschaft in kräftigen Farben, zwischen Idylle und Zeitenende. Kameramann Größbauer hat eine Liebe fürs Detail, zwischen den Interviews gibt es keinen Text, aber Bilder von Straßenkötern, die aus Pfützen trinken, engumschlungenen Liebespaare an der Promenade, von Straßen im Sonnenlicht, einem halb verfallenen, grotesken Freizeitpark, in dem fast nichts mehr geschieht, einem Pferd, das irgendwo zum Grasen abgestellt wurde.
„Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, heisst ein Lied (von Element of Crime). So ähnlich sieht das aus, und man möchte sofort hinfahren und ein anderes Leben leben. Der Film kommentiert nichts, erklärt nichts. Er hat Bilder. Am Ende aller Credits kommt die Einblendung „Viva la Revolucion!“. Man darf sich das nicht ironisch vorstellen.
Filmdienst/Wolfgang Hamdorf „Winter in Havanna ist das ungewöhnlichste Portrait der kubanischen Hauptstadt seit Fernando Perez Dokumentarfilm „Suite Havanna“
LATIZON TV/Ursulina Pittrof „Winter in Havanna” ist ein sehenswerter Dokumentarfilm, der den morbiden Charme Havannas mit der Lebenskunst seiner Menschen verbindet“
Ö1/Judith Hoffmann „Größbauer holt in „Winter in Havanna“ Menschen und Ecken der Stadt vor die Kamera, die ausländischen Touristen üblicherweise verborgen bleiben.“
AUGUSTIN/reisch „Eine platonische Begegnung“
Kuba ist in den letzten Jahren als Urlaubsdomizil recht beliebt geworden; nicht nur bei (verkappten) Kummerln. Mit den Tourist_innen kommt auch gutes Geld ins Land, nachdem dieser Inselstaat durch die sogenannte , die 1990 nach dem Zerfall der Sowjetunion eingesetzt hat, kräftig durchgebeutelt worden ist: „Alles war kaputt! Es war mehr die Vorstellung, dass man Schuhe hat“, erzählt Marisol Morales Saldivar im halbdokumentarischen Film Winter in Havanna von Walter Größbauer.
Der Wiener verliebte sich sofort in Havanna, wie im Begleitheft verraten wird. Das merkt man diesem Film auch vom Anfang bis zum Ende an, und das ist gut so. Zwischen dem Filmemacher und der Hauptstadt von Kuba, die übrigens heuer das 500-jährige Bestehen feiert, muss es sich nämlich um eine platonische Liebe im ursprünglichen Sinn handeln, nämlich um das Streben vom besonderen zum Allgemeinen, von ersten Schritten in der Stadt zu einem bravourösen Dokumentarfilm.
Größbauer flaniert zwar mit dem Blick des Wohlstandseuropäer durch Havanna – wie soll man diesen auch ablegen können? – verfällt aber dabei nicht in die Rolle des Touristen oder gar Voyeurs. Er zeigt zunächst Ruinen, wie sie europäischen Baupolizist_innen nicht einmal in Alpträumen erscheinen würden, oder Möbel, die auf Verkaufsplattformen nicht mal als Shabby Chic durchgehen würden. Doch der Wiener geht zielstrebig weiter, auf Menschen zu und gewinnt eine Frau und drei Männer, die vor der Kamera über ihre Arbeit reden. Mit diesem früh einsetzenden Wendepunkt in der Erzählung wird der Film vordergründig weniger Ein ungewöhnliches Stadtportrait, wie der Untertitel verkündet, als vielmehr eine dramaturgisch herrlich aufgebaute Porträtreihe von ungewöhnlichen Menschen – über die hier der Spoilergefahr wegen nicht mehr verraten werden soll …
Winter in Havanna hat nicht das Geringste mit einer Tourismuswerbefilm-Masche am Hut, trotzdem macht dieser Film ungeheuer neugierig auf Havanna – oder gerade deswegen. Augustin Nr. 476 Seite 27 (magazin)
FURCHE/Thomas Taborsky „Geschichte, von unten geschrieben“
Sie heißen 10 Octobre nach dem Auftakt des Unabhängigkeitskrieges, Playa, Guanabacoa oder einfach Centro Habana. All die Viertel der kubanischen Hauptstadt seien verschieden, schwärmt die Lebensgefährtin eines der Protagonisten von“Winter in Havanna“. Ihr Satz stößt im Dokumentarfilm des Österreichers Walter Größbauer („Sommer in Wien“) nicht nur einen bestätigenden Mini-Exkurs der Bilder an. Mehr noch ist er ein Schlüssel, den urbanen Fleckerlteppich zu begreifen, der sich vor einem ausbreitet, und in dem das westliche Auge zuerst Gemeinsamkeiten erspäht: ein Alltagstempo, dem jede Aggression fehlt, aber genauso Verfall und Abgewohntheit, Haus- wie Nutztiere. Und endlose Findigkeit, die Dinge irgendwie am Laufen zu halten.
Gebannt erfasst die Kamera den Fetzenreifen, auf dem der Karren eines der Händler des Floristen Frank rollt, oder die aufgerissene Polsterung im Auto seines Lieferanten. Der Mann erzählt von seinem Geschäft, seinem Lebensweg, dem stolzen Moment, als er dem ersten kubanischen Kosmonauten ganz nahe war. Zeigt seinen gepflegten Privatraum. Wie die Leute schlafen, ist Größbauer so wichtig wie verbindend. Auch wie der Künstler Maisel wohnt, der großformatige Kinderporträts auf Wände seines Bezirks zeichnet, wenn er nicht gerade Kinder mit Down-Syndrom und anderen Beeinträchtigungen im Malen unterrichtet.
„Viva la Revolucion“ blendet“Winter in Havanna“ am Ende ein. Wenn der zweite Teil einer Jahreszeiten-Tetralogie Partei nimmt, dann ist es aber nicht politisch, sondern für die Menschen darin. Für den Travestiekünstler Yanolis, der sich als Homosexueller kaum irgendwo sicher fühlen kann. Als comichaft überhöhte Blankita persifliert er Anmut und Glamour; niemand auf Kuba verkauft jedoch Perücken.
Der Mangel und das Erbe der sogenannten Sonderperiode, der Not nach dem Niedergang der Sowjetunion, dringen aus den Erzählungen der Menschen, nicht aus dem Film, der selbst nichts ergänzt oder erklärt. Vielmehr schreibt er Geschichte von unten, des Einzelnen. „Es gibt Menschen, die alles haben, alle Möglichkeiten, alle Mittel, und nicht wissen, was sie damit anfangen sollen“, heißt es darin. In der Umkehr geht es dem Film genau darum: die wahren Werte im Leben. Die Furche, 21. Februar 2019, Seite 20 (Feuilleton)
SKIP/Christoph Prenner „Faszinierende Einblicke in die fordernde Lebensrealität im realsozialistischen Inselstaat.“
Kinoliste
| Termin | Veranstaltung | Veranstaltungsort | Ort |
| Festivals | |||
| 01.06.2019 | Festival de Cine Cubano | Auswahl | Frankfurt/GER |
| 30.05.2019 | Festival de Cine Cubano | Auswahl | Hamburg/GER |
| 12.05.2019 | Festival International | Nominiert | Nizza/FRA |
| 03.04.2019 | 13. Latin Filmfestival | Auswahl | Wien/AUT |
| 26.03.2019 | 13. Latin Filmfestival | Auswahl | Salzburg/AUT |
| Kinostart | Österreich | ||
| 16.08.2019 | Spezial Screening | De France Kino | Wien |
| 23.04.2019 | Kinostart | Kino Freistadt | Freistadt |
| 14.04.2019 | Spezial Screening | Filmcasino | Wien |
| 26.03.2019 | Kinostart | Das Kino | Salzburg |
| 09.03.2019 | Kinostart | Leo Kino | Innsbruck |
| 01.03.2019 | Kinostart | Moviemento | Linz |
| 22.02.2019 | Kinostart | Actors Studio | Wien |
| 22.02.2019 | Kinostart | De France Kino | Wien |
| 22.02.2019 | Kinostart | Bellaria Kino | Wien |
| 22.02.2019 | Kinostart | Programmkino | Wels |
| Kinostart | Deutschland | ||
| 16.06.2019 | Kinostart | Cineplex | Dettelbach |
| 03.06.2019 | Kinostart | Universium Filmtheater | Braunschweig |
| 28.04.2019 | Kinostart | Casablanca | Nürnberg |
| 11.04.2019 | Kinostart | Breitwandkino | Seefeld |
| 04.04.2019 | Kinostart | Atelier am Bollwerk | Stuttgart |
| 04.04.2019 | Kinostart | Utopia Kino | Wasserburg |
| 04.04.2019 | Kinostart | Breitwandkino | Gauting |
| 28.03.2019 | Kinostart | Breitwandkino | Starnberg |
| 21.03.2019 | Kinostart | Brodway | Trier |
| 21.03.2019 | Kinostart | Odeon Lichtspiele | Bamberg |
| 21.03.2019 | Kinostart | Regina Filmtheater | Regensburg |
| 21.03.2019 | Kinostart | Schafrichterkino | Passau |
| 21.03.2019 | Kinostart | Studio Isabella | München |
| 21.03.2019 | Kinostart | Monopol Kino | München |
| 14.03.2019 | Kinostart | Union Theater | Berlin |
| 13.03.2019 | Kinostart | Rex Kino | Bonn |
| 08.03.2019 | Kinostart | Kinemathek | Karlsruhe |
| 07.03.2019 | Kinostart | Kommunales Kino | Freiburg |
| 07.03.2019 | Kinostart | Odeon Lichtspieltheater | Köln |
| 07.03.2019 | Kinostart | Museum Kino | Tübingen |
| 07.03.2019 | Kinostart | Kino im Künstlerhaus | Hannover |
| 07.03.2019 | Kinostart | Tilsiter Lichtspiele | Berlin |
Termine
| Datum | Was | Location | Ort | Anwesenheit |
| 26.08.2023 | Film&Gespräch | De France Kino | Wien | Regisseur |
| 25.02.2020 | Film&Gespräch | Ärztekammer Wien | Wien | Regisseur |
| 21.02.2020 | Film&Gespräch | Das Dorf | Wien | Regisseur |
| 23.04.2019 | Film&Gespräch | Freistadt Kino | Freistadt | Regisseur |
| 02.04.2019 | Film&Gespräch | Filmcasino | Wien | Regisseur |
| 25.03.2019 | Film&Gespräch | Das Kino | Salzburg | Regisseur |
| 24.03.2019 | Film&Gespräch | Odeon Kino | Bamberg | Regisseur |
| 23.03.2019 | Film&Gespräch | Monopol Kino | München | Regisseur |
| 22.03.2019 | Film&Gespräch | Regina Kino | Regensburg | Regisseur |
| 21.03.2019 | Film&Gespräch | Schafrichterkino | Passau | Regisseur |





