BÜCHER | Sim Diary

Walter Größbauers Tagebuchaufzeichnungen sind mehr als Reiseberichte – sie sind literarische Momentaufnahmen zwischen Poesie und Provokation. Mit scharfem Blick, feinem Humor und einem Hauch Bösartigkeit führt er uns durch Thailand abseits touristischer Klischees. Entstanden sind die Notizen, die durch Fotos ergänzt werden, während der Dreharbeiten zum gleichnamigen Filmprojekt (2022–2024). Seine Texte erinnern an die rohe Authentizität der Beat-Generation – ehrlich, intensiv aber immer mit einem Augenzwinkern. Ein Buch für alle, die das Fremde lieben – und das Unverstellte schätzen.

Erhältlich in unserer Galerie, im Buchhandel und ONLINE

LESEPROBE

23. Oktober 2567 Phuket
Heute bin ich schon um 8 Uhr raus aus den Federn und nach meiner täglichen Meditation zum „Naiyang Beach“ gefahren. Habe mir gestern ein Motorrad gemietet, beim dem die Vorderbremse quietscht und die Rückbremse kreischt. Das Meer ist heute ruhig. Wenige Menschen sind zu der Zeit unterwegs. Nur die üblichen Strandläufer und Morgenspaziergänger sind anzutreffen. Gestern war das Wetter stürmisch, das Meer hat den ganzen Unrat unserer Konsumgesellschaft ausgekotzt und an den Strand gespült. Es sieht aus wie am Flohmarkt beim Wiener Naschmarkt nach 17 Uhr, bevor der Bagger kommt, um die zurückgelassenen Waren zu entsorgen. Ich mache Fotos, Ausschnitte vom Strandgut, die ich vielleicht einmal für eine Ausstellung verarbeiten werde. Den Titel habe ich schon: „Nach mir die Sintflut“. Ich filme einen riesigen Baumstumpf, der, von Fischernetzen eingehüllt und vom Meer umspült, wie ein gestrandeter Wal erschöpft am Ufer liegt. Ich marschiere weiter, jetzt bin ich infiziert, das Jagdfieber wütet in mir. Ich kenne das schon. Es tritt plötzlich auf und alles um mich herum verdichtet sich. Das türkisblaue Meer, das am Horizont auf den marineblauen Himmel stößt. Ein Fischerboot, das gemächlich im Rhythmus der Wellen auf und ab schaukelt. Jetzt bin ich im Zustand der Raum- und Zeitlosigkeit angekommen. Dann entdecke ich einen Rastplatz, den sich Fischer unter graziösen, märchenhaften Bäumen eingerichtet haben. Motorrad betriebene Garküchen haben einen Kreis gebildet, wie eine Wagenburg beim Oregon Trail. Es herrscht heitere Stimmung. Die Männer scherzen mit den Frauen, Kinder spielen im Sand. Die ganze Szene strahlt etwas Einzigartiges, Ganzheitliches aus und ist von einer Magie umgeben, die ein tiefes Glücksgefühl in mir auslöst. Würde jetzt noch der Wind aus dem Autoradio eines vorbeifahrenden Autos „If It Be Your Will“ von Antony gesungen heranwehen, ich würde zu weinen beginnen. Ich verlasse den Ort und gehe weiter in die nächste Bucht, wo man Flugzeugen beim Starten über den Strand und das Meer beobachten kann, da der Flughafen unmittelbar am Meeresufer gebaut wurde. Weil ich noch zu weit weg bin, um die Flugzeuge gut einfangen zu können, gehe ich den Strand weiter entlang. Auf halber Höhe entdecke ich eine Behausung im Grünstreifen zwischen Strand und Flughafenmauer. Ein Mann taucht auf, mit nacktem Oberkörper, Brille und zerschlissener, knielanger Hose, die ein buntes Zierband zusammenhält um nicht herunterzurutschen, da sämtliche Knöpfe fehlen. Er lächelt mir entgegen und geht in Aufnahmestellung. Nachdem ich ein Foto gemacht habe, trete ich in sein Reich ein, das sein zu Hause und auch Arbeitsplatz ist. Er ist Recycling Spezialist und sammelt leere Glas- und Plastikflaschen, Getränkedosen und Metallgegenstände. Er nimmt mich bei der Hand und zeigt mir Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche. Er heißt Pelvanu und hatte einen schlimmen Motorradunfall, seine Beine sind vom Knöchel bis zur Hüfte von Narben gezeichnet. Quasi ein menschlicher Totalschaden. Dann fragt er mich nach meinem Namen. „Walter, like water just with l“, sage ich. Da er es offensichtlich nicht versteht, bringt er mir einen blauen Textmarker, mit dem ich meinen Namen auf ein Holzscheit schreiben soll, das am Boden liegt. Dann schreibt er seinen Namen auf ein weiteres Holzscheit und legt es zu meinem. Danach will er wissen, wie alt ich bin und zeichnet mit seinem Finger eine 64 in den Sandboden. Ich mache es ihm nach und zeichne eine 67 daneben. Dann verabschieden wir uns wie zwei Brüder, die sich nicht wiedersehen werden, wobei der eine vom Glück geküsst wurde und der andere einen Arschtritt erhalten hat.

BUCH BESTELLFORMULAR








    Gesamtpreis: €0,00